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In Obino: Die Gruppe Rot-Blau Der Reiz der Landschaft von Obino und darüber hinaus verführte manche Deutschschweizer Maler. Am Abend des 31. Dezember 1924 wurde im Haus von Albert Müller in Obino die Gruppe Rot-Blau gegründet (nach den Farben des Tessiner Kantonswappens oder nach der Dominanz dieser Farben in ihren Gemälden?). Die Basler Künstler Hermann Scherer und Albert Müller sowie der Zürcher Künstler Paul Camenisch waren anwesend. Kurze Zeit später stiess auch Werner Neuhaus zur Gruppe. Der Verein, der sich dem Expressionismus verschrieben hatte, sollte auch das Monopol der alten Künstlergarde (Paul Basilius Barth, Jean Jacques Lüscher, Numa Donzé und Karl Dick) brechen, die bis dahin die Plätze in der Basler Kunsthalle in Anspruch genommen und die Aufträge der Stadt erhalten hatten. Der frühe Tod der beiden Basler Künstler in den Jahren 1926 und 1927 schmälerte die produktive Tätigkeit der Gruppe, der sich später weitere Basler Künstler anschlossen (Otto Staiger, Max Sulzbacher und der Bildhauer Rudolf Müller). Sie alle waren in den damals dominanten Stil des deutschen expressionistischen Malers Ernst Ludwig Kirchner verliebt. Letzterer hatte sich nach den schlimmen Erfahrungen, die er im Ersten Weltkrieg gemacht hatte, nach Davos zurückgezogen und pflegte hier in der Schweiz (u.a. in Basel, auf dem Monte Verità und in Obino) Beziehungen zu verschiedenen Künstlern, welche die neue Strömung des "Höhen-expressionismus" liebten. Den an die Macht gekommenen Nazis gefiel dieser Stil in keiner Weise. Dutzende von Kirchners Werken, die in deutschen Museen ausgestellt waren, wurden 1937 als entartete Kunst vorgezeigt und anschliessend zerstört. Am 15. Juni 1938 trieben sein schlechter Gesundheitszustand und die psychische Verfolgung durch die Nazis Kirchner in den Selbstmord. Camenisch, der von 1925 bis 1930 in der heutigen Villa Turconi wohnte, setzte die Aktivitäten der Gruppe Rot-Blau nur wenige Jahre lang fort. Er beteiligte sich später an der Gründung der Gruppe 33 in Basel, die im Wesentlichen mit ihrer Opposition gegen die künstlerische Führungsschicht in Basel die gleichen politischen Ziele verfolgte und sich zudem gegen den deutschen Nationalsozialismus wandte. Es ist daher interessant, dass unsere Gegend in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein wichtiger Treffpunkt für Schweizer Künstler war. |