Im Dorfkern von Castel San Pietro, an der Kreuzung von Via Fontana und Via Nevell:

Haus der Künstler Pozzi

Etwa hundert Meter von der Kreuzung der Via Nevel mit der Via Fontana entfernt, im alten Teil des Seniorenheims San Luigi Guanella: Das Haus der Künstler Pozzi. Die Familie Pozzi besass mehrere Häuser in Castel San Pietro, und das Haus, um das es hier geht, war zusammen mit einem grossen Grundstück Gegenstand eines Vermächtnisses von Maria Pozzi-Monza. Don Guanella hatte das Gebäude 1915 in ein Altersheim umgewandelt. Im Erdgeschoss befindet sich eine Halle mit Stuckarbeiten von Carlo Luca Pozzi. Die Familie Pozzi ist um 1500 als in Bruzella beheimatet nachgewiesen und umfasst, bevor sie sich in Castel San Pietro niederliess, einen bekannten Baumeister und mehrere Stuckateure, die in Böhmen und seiner Hauptstadt Prag tätig waren. Der Zweig, der uns am meisten interessiert, ist jener von Francesco (1704-1789), Sohn von Francesco Domenico Antonio und Margherita Magni, Schwester von Giovanni Pietro. Von Francesco kennen wir seine Söhne Giuseppe, Stuckateur (1732-1811), Carlo Luca, Bildhauer (1734-1812), Domenico, Maler (1745-1796) und seine vier Töchter (Zeffirina, Angela, Giuseppa und Giovanna), die Künstler heirateten. Im Alter von 25 Jahren trat Francesco als Stuckateur in die Dienste des Architekten Johann Caspar Bagnato (ursprünglich aus Como, aber gebürtig aus Landau in der Pfalz), der in Altshausen in Baden-Württemberg ein Schloss als Verwaltungssitz des Deutschen Ordens für Süddeutschland baute. Der Architekt Bagnato arbeitete für diesen Orden in der Region, die das Elsass, Südwestdeutschland und die Nordwestschweiz umfasste. Die Mitglieder des Ordens gehörten dem Adel bzw. dem Klerus an und betrauten ihn mit prestigeträchtigen Gestaltungsaufträgen für Residenzen, Klöster und Kirchen. Francesco mangelte es nicht an künstlerischem und unternehmerischem Talent, und es fiel ihm leicht, die Erwartungen seiner Kunden zu verstehen und zu erfüllen. So entstand eine Zusammenarbeit mit Bagnato, die fast dreissig Jahre dauerte.
Zweimal arbeitete er in Altshausen, das zweite Mal, um die Wände und das Gewölbe der Michaelskirche im Rokokostil neu zu gestalten. Zwischen 1737 und 1740 gestaltete er mit anderen bedeutenden deutschen und österreichischen Künstlern die Kirche und die Repräsentationsräume des Schlosses Mainau, die noch heute eine kunsthistorische Attraktion sind! Zusammen mit dem Maler Giuseppe Appiani aus Porto Ceresio stattete er zwischen 1751 und 1753 das Kloster Obermarchtal an der Donau aus; das Esszimmer gilt bis heute als das schönste Werk Oberschwabens. Auch sein Sohn Carlo arbeitete dort. Es scheint, dass Francescos Söhne Giuseppe und Carlo Luca in diesem Kloster ausgebildet wurden (es gibt von ihnen Briefe in gutem Deutsch). Zwischen 1750 und 1756 arbeitete Francesco in Klingnau, Bischofszell (wo er mit seinen beiden Söhnen den Hauptsaal des Rathauses ausstattete), Hitzkirch und Delémont sowie in Hirsingen im Elsass. Im Jahr 1756 schmückte er den Chor der Pfarrkirche Sant'Eusebio in Castel San Pietro in Zusammenarbeit mit dem Maler Carlo Innocenzo Carloni. Es scheint, dass auch seine Söhne ihren Beitrag geleistet haben. In Arlesheim, Baselland, gab er den Rokoko-Stil auf und führte den Neoklassizismus ein, indem er das Innere des renovierten Domes zusammen mit seinen Söhnen Giuseppe und Carlo Luca und seinem Freund Giuseppe Appiani ausstattete.

Giuseppe Pozzi (1732-1811) arbeitete als Stuckateur bei seinem Vater in Deutschland, wurde Hofstuckateur in Mannheim und blieb mit seiner Familie in Deutschland. Carlo Luca (1734-1812), Stuckateur und Bildhauer, arbeitete mit seinem Vater in Deutschland und hinterliess Zeugnisse seines Schaffens in Frankreich, Belgien und Italien. Domenico Pozzi (geb. 1745 in Bruzella, gest. 1796 in Riva San Vitale), Maler, wurde durch seine aus-drucksstarken Porträts bekannt. Er lernte sein Handwerk bei Giuseppe Appiani und half seinem Vater bei der Ausschmückung von Bauten des Architekten Johan Caspar Bagnato und gestaltete zusammen mit seinem älteren Bruder und seinem Vater die Kathedrale St. Urs in Solothurn. Ab 1772 hielt er sich in Norditalien auf, wo er verschiedene Aufträge erhielt. Im Salon und in der oberen Wohnung der Villa Olmo in Como und in dem Gemälde der Samariterin am Brunnen in der Pfarrkirche von Castel San Pietro schuf er seine besten Werke.